Auf einen Blick
Die Impfquote in Deutschland variiert je nach Impfung und Bundesland erheblich: Bei Masern liegt die nationale Durchimpfungsrate knapp unter dem WHO-Ziel von 95 %, während bei der saisonalen Grippeimpfung nur rund 35 % der Erwachsenen erreicht werden. Ostdeutsche Bundesländer zeigen bei vielen Standardimpfungen höhere Quoten als westdeutsche. Wer seinen Impfschutz prüfen und lücken schließen möchte, findet in diesem Artikel konkrete Schritte und aktuelle Zahlen.
Was bedeutet Impfquote eigentlich – und warum ist sie so wichtig?
Die Impfquote – auch Durchimpfungsrate genannt – gibt an, welcher Anteil einer Bevölkerungsgruppe gegen eine bestimmte Krankheit geimpft ist. Sie wird meist in Prozent angegeben und bezieht sich auf eine definierte Altersgruppe oder die Gesamtbevölkerung.
Klingt simpel. Ist es aber nicht. Denn hinter dieser einen Zahl steckt eine komplexe Realität: Welche Impfung? Welche Altersgruppe? Grundimmunisierung oder Auffrischung? Wer das nicht auseinanderhält, vergleicht Äpfel mit Birnen.
Warum ist die Impfquote trotzdem so entscheidend? Weil sie über Herdenimmunität entscheidet. Erst wenn genug Menschen in einer Gemeinschaft immun sind, können sich Krankheitserreger nicht mehr ungehindert ausbreiten – und schützen damit auch jene, die sich nicht impfen lassen können: Neugeborene, Immungeschwächte, ältere Menschen.
Impfstatistik aktuell: Was die Zahlen für 2024 sagen
Die aktuellsten Daten zur Impfquote in Deutschland stammen vom Robert Koch-Institut (RKI), das regelmäßig Schuleingangsuntersuchungen, Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen und Bevölkerungsbefragungen auswertet. Ein vollständiges Echtzeit-Register gibt es in Deutschland – anders als in einigen skandinavischen Ländern – bis heute nicht. Das macht präzise Aussagen schwieriger, als man denken würde.
Masernimpfung: Knapp am Ziel vorbei
Bei der ersten Masernimpfung erreichen Kinder im Schulalter deutschlandweit eine Quote von rund 97 %. Klingt gut. Das Problem liegt bei der zweiten Dosis: Hier liegt die Rate nur bei etwa 93 % – und damit unter dem kritischen WHO-Schwellenwert. Regional gibt es dabei massive Unterschiede, wie der Bundesländer-Vergleich weiter unten zeigt.
Grippeimpfung: Chronisch unterversorgt
Bei der saisonalen Influenzaimpfung sieht es deutlich düsterer aus. Nur rund 35 % der Erwachsenen und etwa 47 % der über 60-Jährigen lassen sich jährlich impfen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Grippeimpfung aber ausdrücklich für alle Menschen ab 60, Schwangere, chronisch Kranke und medizinisches Personal. Hier klafft eine riesige Lücke zwischen Empfehlung und Realität.
COVID-19: Hohe Grundimmunisierung, sinkende Auffrischungsbereitschaft
Die COVID-19-Impfkampagne hat Deutschland in Rekordzeit eine hohe Grundimmunisierung beschert. Über 77 % der Bevölkerung haben mindestens zwei Dosen erhalten. Bei den empfohlenen Auffrischungsimpfungen für vulnerable Gruppen sinkt die Bereitschaft jedoch spürbar – ein Trend, den Gesundheitsexperten mit Sorge beobachten. Mehr dazu findest du in unserem ausführlichen Coronavirus-Impfratgeber.
Durchimpfungsrate Bundesländer: Wer führt, wer hinkt hinterher?
Der Blick auf die einzelnen Bundesländer ist ernüchternd – und aufschlussreich. Die Unterschiede sind größer, als viele vermuten. Thüringen und Sachsen liegen bei vielen Standardimpfungen vorn, während Bayern und Bremen regelmäßig das Schlusslicht bilden. Das hat historische, strukturelle und kulturelle Gründe.
| Bundesland | Masern 1. Dosis (%) | Masern 2. Dosis (%) | Grippe (60+) (%) | Bewertung |
|---|---|---|---|---|
| Thüringen | 98,5 | 97,1 | 52 | ⭐⭐⭐⭐⭐ Sehr gut |
| Sachsen | 98,2 | 96,8 | 51 | ⭐⭐⭐⭐⭐ Sehr gut |
| Brandenburg | 97,9 | 95,4 | 49 | ⭐⭐⭐⭐ Gut |
| Mecklenburg-Vorpommern | 97,6 | 95,1 | 48 | ⭐⭐⭐⭐ Gut |
| Nordrhein-Westfalen | 96,8 | 93,2 | 44 | ⭐⭐⭐ Mittel |
| Baden-Württemberg | 96,5 | 92,7 | 43 | ⭐⭐⭐ Mittel |
| Bayern | 96,1 | 91,9 | 41 | ⭐⭐ Ausbaufähig |
| Bremen | 95,3 | 90,8 | 38 | ⭐⭐ Ausbaufähig |
Quellen: RKI Schuleingangsuntersuchungen 2023/2024, KV-Abrechnungsdaten; Werte gerundet. Grippe-Quoten beziehen sich auf Personen ab 60 Jahren.
Warum schneiden Ostbundesländer besser ab?
Die höheren Impfquoten in Thüringen, Sachsen und Brandenburg sind kein Zufall. In der DDR war das Impfwesen zentralisiert und flächendeckend organisiert – Impfungen wurden in Schulen, Betrieben und Kindereinrichtungen direkt durchgeführt. Diese Infrastruktur und das damit verbundene gesellschaftliche Bewusstsein wirken bis heute nach. Hinzu kommt: In ländlichen Regionen Ostdeutschlands ist der Hausarzt oft die einzige medizinische Anlaufstelle – und damit auch der erste Impfarzt.
Warum gibt es überhaupt Impflücken?
Wer die Impfquote verbessern will, muss verstehen, warum Menschen Impfungen aufschieben oder ablehnen. Die Gründe sind vielfältiger, als Impfbefürworter oft zugeben wollen.
Erstens: Vergessen und Bequemlichkeit. Der häufigste Grund für verpasste Auffrischungsimpfungen ist schlicht, dass Menschen nicht daran denken. Kein Erinnerungssystem, kein Impfpass zur Hand – und schon ist die Tetanus-Auffrischung 15 Jahre überfällig.
Zweitens: Zugang und Verfügbarkeit. Wer keinen Hausarzt hat oder lange Wartezeiten in Kauf nehmen muss, schiebt Impftermine auf. Besonders in städtischen Ballungsräumen mit Ärztemangel ist das ein echtes Problem.
Drittens: Skepsis und Fehlinformation. Impfkritische Haltungen haben in den letzten Jahren zugenommen. Soziale Medien verstärken diesen Trend. Dabei ist es wichtig, zwischen berechtigten Fragen und wissenschaftlich widerlegten Behauptungen zu unterscheiden.
Impfschutz prüfen und Lücken schließen: So gehst du vor
Genug Theorie. Wie prüfst du konkret, ob dein Impfschutz vollständig ist? Hier ist eine klare Schritt-für-Schritt-Anleitung:
- Impfpass heraussuchen: Suche deinen gelben Impfausweis heraus. Keine Ahnung, wo er ist? Dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt, ihn zu finden – oder einen neuen ausstellen zu lassen.
- STIKO-Empfehlungen vergleichen: Auf der Website des Robert Koch-Instituts findest du den aktuellen Impfkalender der STIKO. Vergleiche deine eingetragenen Impfungen mit den Empfehlungen für deine Altersgruppe.
- Hausarzt oder Impfzentrum aufsuchen: Buche einen Termin bei deinem Hausarzt oder einem Impfzentrum in deiner Nähe. Bring deinen Impfpass mit – der Arzt kann fehlende Impfungen direkt nachtragen.
- Digitalen Impfnachweis anlegen: Lass deine Impfungen digital erfassen. Das erleichtert künftige Überprüfungen erheblich und ist besonders beim Reisen praktisch.
- Erinnerung einrichten: Trag Auffrischungstermine direkt in deinen Kalender ein. Tetanus und Diphtherie zum Beispiel müssen alle zehn Jahre aufgefrischt werden – das vergisst man leicht.
STIKO-Empfehlungen 2024: Was gilt für wen?
Die Ständige Impfkommission aktualisiert ihre Empfehlungen jährlich. Für 2024 gelten folgende Kernempfehlungen:
Kinder und Jugendliche sollten vollständig gegen Masern, Mumps, Röteln, Windpocken, Keuchhusten, Tetanus, Diphtherie, Polio, Hepatitis B, Meningokokken C und HPV geimpft sein. Der Impfkalender sieht klare Altersfenster vor – wer diese verpasst, kann Impfungen nachholen.
Erwachsene brauchen regelmäßige Auffrischungen bei Tetanus und Diphtherie (alle 10 Jahre), eine einmalige Pertussis-Auffrischung sowie je nach Lebenssituation Impfungen gegen Hepatitis A und B, Meningokokken oder Gelbfieber.
Senioren ab 60 profitieren besonders von der jährlichen Grippeimpfung, der Pneumokokken-Impfung und seit 2023 auch von der Impfung gegen Herpes zoster (Gürtelrose).
Wie lässt sich die Impfquote in Deutschland verbessern?
Das ist die eigentlich spannende Frage. Denn Zahlen zu kennen ist eine Sache – sie zu verbessern eine ganz andere.
Experten sind sich einig: Ein nationales Impfregister wäre der wichtigste Schritt. Länder wie Schweden oder Dänemark zeigen, dass ein zentrales, datenschutzkonformes Register die Impfquoten messbar steigert – weil Lücken sichtbar werden und gezielte Erinnerungen möglich sind. In Deutschland scheitert das bislang an Datenschutzbedenken und föderalen Zuständigkeiten.
Niedrigschwellige Impfangebote sind ein weiterer Hebel. Impfungen in Apotheken, Betriebsarztpraxen und Gesundheitsämtern – ohne Terminbuchung, ohne Wartezeit – senken die Hemmschwelle erheblich. Pilotprojekte in mehreren Bundesländern zeigen: Wer Impfungen dorthin bringt, wo Menschen ohnehin sind, erhöht die Bereitschaft spürbar.
Und schließlich: Vertrauen. Wer Impfskeptiker mit Fakten überhäuft, verliert sie meist. Wer zuhört, Fragen ernst nimmt und verständlich erklärt, gewinnt sie zurück. Das klingt nach Kommunikationsstrategie – ist aber schlicht gute Medizin.
Häufige Fragen zur Impfquote in Deutschland
- Wie hoch ist die Impfquote in Deutschland aktuell?
- Die Impfquote variiert je nach Impfung stark. Bei Masern (1. Dosis) liegt sie bei rund 97 %, bei der Grippeimpfung für Ältere nur bei etwa 47 %. Ein einheitlicher Gesamtwert existiert nicht – jede Impfung wird separat erfasst.
- Welches Bundesland hat die höchste Impfquote in Deutschland?
- Thüringen und Sachsen führen regelmäßig die Statistiken an. Bei der Masernimpfung erreichen beide Bundesländer Quoten über 97 % und liegen damit deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt.
- Was ist die Herdenimmunität und welche Impfquote ist dafür nötig?
- Herdenimmunität bedeutet, dass genug Menschen immun sind, um die Ausbreitung eines Erregers zu stoppen. Bei Masern ist dafür eine Impfquote von mindestens 95 % nötig – Deutschland erreicht das noch nicht flächendeckend.
- Warum ist die Grippeimpfquote in Deutschland so niedrig?
- Gründe sind mangelndes Bewusstsein, Skepsis gegenüber der jährlichen Impfung und begrenzte Zugangsmöglichkeiten. Viele Menschen unterschätzen das Risiko einer schweren Grippeerkrankung erheblich.
- Gibt es in Deutschland eine Impfpflicht?
- Ja, seit 2020 gilt eine Masernimpfpflicht für Personen in Gemeinschaftseinrichtungen wie Kitas, Schulen und Krankenhäusern. Eine allgemeine Impfpflicht für alle Bürger gibt es in Deutschland nicht.
- Wie kann ich meinen Impfstatus kostenlos prüfen lassen?
- Dein Hausarzt prüft deinen Impfstatus kostenlos im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung. Viele Krankenkassen bieten zudem digitale Impfpässe und Beratungsangebote an, die du online nutzen kannst.
- Was bedeutet Durchimpfungsrate im Vergleich zur Impfquote?
- Durchimpfungsrate und Impfquote werden oft synonym verwendet. Beide Begriffe beschreiben den Anteil geimpfter Personen in einer Bevölkerungsgruppe, bezogen auf eine bestimmte Impfung und einen Zeitraum.